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O Gin, in dir liegt die Welt!

Ein Wesen mit arabischen Wurzeln, aber kein Dschinn. Ein Heilmittel gegen die Pest. Ein Doping für Soldaten. Eine Bedrohung für das Bestehen der britischen Nation. Eine Medizin gegen Malaria. Und, natürlich, eine schier endlose Zahl an Varianten und Herstellern. Gefeiert in all seinen Formen und umstritten in seinem Ursprung - All das ist Gin. Kurzum: Im Gin liegt die Welt!

Schauen wir einmal, wie es sein kann, dass all das auf ein einziges Getränk zutrifft.

 

Das medizinische Elixir

Man geht davon aus, dass das Destillationsverfahren zuerst von den Arabern entwickelt wurde. Schon im 8. Jahrhundert nach Christus experimentierten die beiden gescheiten Jungs Dschabir Ibn-Hayyan und Alkendi mit der Destillierung als Methode der Alkoholgewinnung. Der nächste Schritt folgte dann von den Medizinern. Im 11. Jahrhundert gründete der berühmte Arzt Konstantin von Afrika im italienischen Salerno eine medizinische Schule, die in den folgenden drei Jahrhunderten der Quell allen medizinischen Wissens für das westliche Europa werden sollte.

Wie ihr wahrscheinlich schon erraten habt, lief innerhalb der Mauern der Schule die, sagen wir mal, Schwarzbrennerei, auf vollen Touren. Historische Quellen sind sich einig darin, dass Konstantin und seine Kollegen das Wissen über die Destillation von Alkohol von den Mauren erhielten und damit experimentierten, indem sie den Alkohol mit einer Vielzahl verschiedener Heilkräuter versetzten. Unter den Komponenten fand Wacholder, der auf den Hügeln um Salerno herum gedeiht, reichlich Verwendung.

Die Experimente der Medizinschüler setzten die Alchemisten und Mönche des 12. und 13. Jahrhunderts auf kreative Weise fort. In ganz Europa experimentierten sie mit Kräutertinkturen und  begaben sich auf die Suche nach dem „Wasser des Lebens“.

Wacholder war damals ein Bestandteil vieler medizinischer Rezepte wegen seiner treibenden Wirkung. Wacholdertinkturen wurden daher häufig als Heilmittel bei Erkrankungen des Magens, der Leber und der Nieren verwendet.

Während der großen Pest im 14. Jahrhundert, an der bis zu einem Drittel der Bevölkerung Europas starb, erreichten Liköre und Tinkturen aus Wacholder eine niedagewesene Beliebtheit. Man ging damals davon aus, dass die Wacholderbeere die Menschen von der Krankheit befreie. Der Glaube an die heilenden Eigenschaften der immergrünen Nadelsträucher und Zypressengewächse war so gewaltig, dass die rennomiertesten Pestärzte sogar ihre Masken mit Wacholder auslegten.


Die Gin-Epidemie

Die Kontroverse darüber, wer den ersten Gin herstellte, setzt sich bis heute fort. Das Rezept für einen Kräutertrank auf Basis eines Branntweins, der mit Muskatnuss, Zimt, Blutwurz, Klee, Ingwer, Salbei, Kardamom und Wacholder versetzt wird, ist ab etwa 1495 schriftlich in einem niederländischen Buch als „Rezept für Branntwein“ überliefert. Das Wort „jenever“, welches die Engländer später zu „gin“ verkürzten, treffen wir erstmals im Handbuch eines Arztes und Schnapsbrenners aus dem Jahre 1552.

Derartige Getränke wurden sowohl in Flandern wie auch in Belgien und im Norden Frankreichs hergestellt. Zur Mitte des 17. Jahrhunderts hin erfreute sich bei der Herstellung das Verfahren der zweifachen Destillation aus einer Maische mit Wacholder, Anis, Tymian, Koriander und anderen Bestandteilen großer Beliebtheit.

1633 beschäftigten sich damit allein in Amsterdam 400 Hersteller. Mit dem Jenever behandelte man Nieren, Atritis, Magenbeschwerden, löste Gallensteine und heilte die Gicht.

Zu Zeiten des achtzigjährigen Kriegs gegen Spanien (der ja eben der Unabhängigkeitskrieg der Niederlande war) machten es sich die Niederländer zur Gewohnheit vor dem Kampf Jenever zu trinken. Daher stammt auch der Ausdruck „dutch courage“, worunter impliziert wurde, dass man sich mit Alkohol ordentlich Mut antrinkt.

Im Lauf des 17. Jahrhunderts fand der Gin in verschiedenen Formen seinen Weg nach England, aber weitere Verbreitung und Beliebtheit fand er erst nach der Inthronisierung des Holländers Wilhelm III von Oranien-Nassau auf dem englischen Thron. Der neue englische Monarch begann seine Regentschaft mit harten protektionistischen Maßnahmen.  Wilhelm erhob nämlich hohe Steuern auf französische Weine und Kognaks (Branntweine) um die französische Wirtschaft zu schwächen.  Gleichzeitig erließ der König Gesetze über Getreide, die es allen, die es wollten, das massenweise Schnapsbrennen aus Maischen erlaubte. Und das waren viele!

Für Liebhaber des englischen Gins war das ein Grund zum Jubel. Warum? Weil der durchschnittliche Europäer damals praktisch nie Zugang zu reinem Wasser hatte, da es nur wenige Quellen gab und viele Flüsse als Abfluss für alle möglichen Abwässer dienten. Gleichzeitig erwies sich einigeraßen gut filtrierter Alkohol als probates Hilfsmittel gegen alle erdenklichen Infektionen.

Die Senkung der Steuern auf das Destillieren und die Aufhebung der Lizensierungspflicht führten zu einem weiteren Aufblühen des Schnapsbrennens. Zum Brauen von Bier braucht man viel Platz, zum Schnapsbrennen hingegen braucht es keine großen Hallen. Und Gerste war in England sowieso billig zu haben. Deren Qualität wiederum entsprach zwar nicht immer den Anforderungen der Bierbrauer, eignete sich aber vortrefflich zum Brennen von Gin. In einigen Fällen hat man sogar den Wacholder durch Terpentin oder auch durch Sägespähne ersetzt um dem Getränk einen frischen Duft, wie von Tannen, zu verleihen. All das führte dazu, dass das Pint Gin bald günstiger war als ein Pint Bier. Und so begann die „Gin-Epidemie“! Laut Daniel Defoe schenkten von ca. 15.000 Unterhaltungsbetrieben im London des Jahres 1727 mehr als die Hälfte eben Gin aus.

Getrunken wurde Gin von der Unterschicht bis in die Aristokratie. 1731 wurden bereits regelmäßig Jahrmärkte für „Gin und Lebkuchen“ abgehalten. So wie das englische Wetter begann seinen unschönen Charakter zu offenbaren, zog es die Londoner zur Themse um sich mit Vergnügen heißen Gin und Gingerbread zuzuführen. Weil diese Jahrmärkte für gewöhnlich im Winter veranstaltet wurden, erhielten sie bald auch den Beinamen „Londoner Frostmärkte“. Bis 1730 stieg der Verbrauch von Gin in London auf zwei Pints die Woche pro Person an. De Facto entwickelte sich der Gin damit für viele Engländer vom einfachen Produkt des Schnapsbrennens zu einer Art supergünstigem Rauschgift.

„Mütterchens Elend“ und „Zitrönchen“

Nach und nach begannen die negativen Aspekte des massenhaften Konsums des teils nicht sonderlich gut hergestellten Getränkes in Erscheinung zu treten. Amtspersonen beklagten sich, dass durch den Verkauf von Gin ein direkter Anstieg der Kriminalität festzustellen sei. Vereinzelt gingen die Machthaber sogar so weit den Gin als eine Bedrohung der Nation einzuordnen!

1736 gab der britische Staat eine Verordnung über den Gin heraus, der jeden Hersteller mit einer Steuer von 20 Schillingen die Gallone belegte und verlangte, dass jeder Hersteller eine Lizenz beim Staat erwerben muss (um etwa 8000 Pfund Sterling im Jahr auf unser heutiges Geld umgerechnet).

Wie zu erwarten, traf dieses Gesetz beim Großteil der Engländer auf wenig Gegenliebe und führte sogar zu Unruhen. Widerwillig verringerte die Regierung daher im Jahr 1743 die Steuern und senkte die Kosten für die Linzensen auf die Herstellung von Gin. Dieser „Waffenstillstand“ zwischen den Herstellern und Verbrauchern des Gins auf der einen Seite und der Regierung Großbritanniens auf der anderen hielt jedoch nicht lange. Schon 1751 kam der zweite große Knall in Form einer neuerlichen Verordnung über den Gin, in welcher der Verkauf von Gin in nichtlizensierten Verkaufsstellen verboten wurde und die Lizenzierung dazu noch mit hohen Steuern „bis über beide Ohren“ belegt wurde. In Reaktion darauf deuteten die wütenden englischen Ginliebhaber an, dass sie bereit wären die eigene Regierung zu einer britischen Flagge zu verarbeiten.  Nachdem die Regierung also verstanden hatte, dass sie das Problem auf direktem Weg nicht lösen können würde, ging man zu einer listigeren Taktik über – Eine Werbekampagne wurde in Großbritannien entfaltet, die den Verzicht auf Gin zugunsten von Bier und importiertem Tee aus den Kolonien propagierte.

Echos der Konflikte um den Gin kann man im Englischen bis heute in Begriffen wie gin mills und gin joints finden. Beide bezeichnen Bars mit einem schlechten Ruf. Aus der gleichen Ecke stammen auch die Begriffe gin-soaked („gindurchtränkt“, das Äquivalent zu unserer „Bierleiche“) und mother‘s ruin („Mutters Elend“). Interessant ist, wie einige abwertende Sätze über die Zeit eine positive Konnotation angenommen haben und sich Bars ihrer bemächtigt haben um Besucher anzulocken.

1832 ereignete sich eine regelrechte Revolution in der Ginproduktion  - Die Erfindung der Rektifikationskolonne!  Sie ermöglichte die Herstellung reinen Alkohols aus mannigfaltigen Grundstoffen und führte zur Entwicklung des klassischen Gins in seiner heutigen Form. Zur Besonderheit der Herstellung des trockenen londoner Gins wurde die Verwendung von zitrusbasierten Grundstoffen, Zitronenschalen, bitteren Orangen, Aniszusätzen, Iriswurzeln, Lakritzen, Mandeln und anderen Gewürzen.

1890 etablierte sich die Produktion durchsichtiger Flaschen aus Glas – was sich die Ginmacher sofort zunutze machten um die Reinheit ihres Getränkes zur Schau zu stellen.

Im 19. Jahrhundert sah sich Großbritannien mit einer ziemlich unangenehmen Krankheit konfrontiert: Malaria.

Gegen sie half ein Extrakt aus den Wurzeln des Chinarindenbaums mit einem sehr typischen, bitteren Geschmack. Um diesen Geschmack ein wenig abzuweichen dachte sich die Firma „Schweppes“ aus, den Chininextrakt mit kohlensäurehaltigem Mineralwasser zu vermischen. Die englischen Seefahrer, wiederum, vermischten das Eine mit dem Anderen, woraus sich das klassische Gin-Tonic ergab.

Dazu gab man häufig eine Zitrone um die Skorbut zu bekämpfen. Von hier rührt auch der abfällige Spitzname der britischen Matrosen als limey – „Zitrönchen“.

Die Rache des Gins

Am Ende des 19. Jahrhunderts begann der Gin auch unter Bartendern beliebter zu werden. Aber erst zu Beginn der 20er Jahre des darauffolgenden Jahrhunderts begann schlagartig das Zeitalter der Cocktails. Und zwar als der Martini-Cocktail auftauchte, der aus Gin und italienischem Wermut besteht.

Die relative Leichtigkeit einer illegalen Herstellung von Gin zu Zeiten der Prohibition in den USA führte dazu, dass Martini zu einem der beliebtesten Cocktails des 20. Jahrhunderts wurde. Auf der Liste der internationalen Vereinigung der Bartender (IBA) ist er, natürlich, bei weitem nicht der einzige. Allein bis 1951 wurden dort schon ungefähr 7000 Cocktails auf Basis von Gin gelistet!
Allerdings verlor Gin während der 50er Jahre an Popularität. Stück für Stück entwickelte er sich zu einem „Getränk für Opas“ und seinen Platz auf dem Podest einer modernen Bar besetzte fortan russischer Wodka.

Zum Beginn der Renaissance des Gins wurde das Jahr 1999, als der für seinen Whiskey berühmte Hersteller „Willian Grant and Sons“ unter lauten Werbefanfaren seine neue Marke Hendrick‘s Gin auf den Markt brachte. Der Erfolg dieses schottischen Gins belebte auch die anderen Hersteller ähnlicher Getränke so sehr, dass der Gin bis 2017 seine Rache am Wodka nehmen und dessen Beliebtheit ohne Zweifel übertreffen konnte. Aber damit ist die Geschichte des Gins mit Sicherheit noch nicht zu Ende. Da die Nachfrage nach Gin weiter ansteigt, ist eine große Zahl kleiner und größerer Hersteller des alten neuen Modegetränkes weiterhin im Spiel und auf Augenhöhe mit den ganz großen Playern in der Branche.